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  1. Jeanine Glarner
  2. Urs Raschle
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Ein Kaffee mit Jeanine Glarner, FDP Gross- und Gemeinderätin sowie Regierungsratskandidatin Kanton Aargau


Die Frau, die komplexe Sachverhalte und Herausforderungen mag


 

 

Ich treffe Jeanine Glarner in Lenzburg an einem sonnigen Spätnachmittag im September. Das Café Bärli in der herzigen Innenstadt von Lenzburg ist um diese Zeit nicht mehr stark frequentiert.

 

Freundlich begrüsst mich die FDP Gross- und Gemeinderätin und meint mit einem Lächeln, "Ich bin Jeanine, ist glaube ich unkomplizierter."

 

Erfreut nehme ich gegenüber dieser beeindruckenden Person Platz und schalte mein Aufnahmegerät ein.

Du bist im beschaulichen Wildegg aufgewachsen und lebst immer noch dort. Vielen ist vielleicht das wunderschöne Schloss Wildegg bekannt. Wie würdest du mit deinen Worten dieses herzige Dorf beschreiben? Und was hält dich dort?

Ja, ich bin in Wildegg aufgewachsen und habe auch bis zur Bezirksschule meine gesamte Schulzeit dort absolviert. Wildegg liegt im Herzen vom Aargau und ist für mich perfekt gelegen. Mit dem Zug bin ich in einer Stunde in Zürich, Basel, Bern und Luzern. Und trotzdem lebe ich ländlich, im Grünen und an der Aare. Zudem bietet Wildegg gute Einkaufsmöglichkeiten. Kurzum: Wir haben einfach alles in Wildegg, um ein gutes Leben zu führen und trotzdem ist man rasch mit der Arbeitswelt verbunden.

Du bist neben deiner politischen Arbeit, einer beeindruckenden Anzahl von Mitgliedschaften auch in der Privatwirtschaft tätig. Wie jonglierst du so viele Bälle gleichzeitig? Gibt es nicht auch Zielkonflikte – du kannst dich ja nicht teilen?

Es ist für mich eine reine Organisationsache: ich arbeite in einem 80% Pensum. Ich bin Gross- und Gemeinderätin und bin zusätzlich noch in verschiedenen Stiftungen und Vereinen im Vorstand tätig.


"Wenn ich meine Mitarbeit zusage, dann möchte ich es richtig machen und nicht nur, um einfach dabei zu sein." (Jeanine Glarner)


Ich musste lernen auch einmal nein zu sagen, wenn ich für zusätzliche Mitgliedschaften angefragt wurde. Wenn ich meine Mitarbeit zusage, dann möchte ich es richtig machen und nicht nur, um einfach dabei zu sein.

Also hat auch eine Jeanine Glarner noch Freizeit?

Die gibt es zwar schon – aber seit ich Gemeinderätin bin, ist sie etwas weniger geworden. Aber doch ja, Freizeit habe ich durchaus noch.


"Energie und Gesundheit haben etwas gemeinsam: es handelt sich um hoch komplexe Bereiche und beide Bereiche sind zudem heillos überreguliert." (Jeanine Glarner)


Auf deiner Website jeanine-glarner.ch sagst du selbst, dass deine politischen Wirkungsfelder sehr breit aufgestellt sind. Ich nenne hier Energie, Mobilität, Umwelt & Klima und Gesundheit. Ich persönlich würde sagen, dass alle vier Themen für sich riesig sind; aber auch wichtige Schnittstellen haben. Wo siehst du die Synergien dieser Themen? Gibt es unter Umständen auch konfliktäre Themen – ich denke an den Ausbau der Mobilität, der zwangsläufig auf Kosten der Umwelt geht?

Energie und Gesundheit sind mit Sicherheit die beiden Themen, die mir am meisten zusagen. Ich war früher in der Energiebranche tätig und bin jetzt in der Gesundheitsbranche. Somit habe ich vertiefte Kenntnisse in beiden Bereichen und setze mich entsprechend eng mit der Thematik auseinander. Die anderen Themen behandle ich im Rahmen meiner Tätigkeit im Grossen Rat; entsprechend setzt sich somit das Gesamtbild dieses Themenspektrums zusammen. Energie und Gesundheit haben etwas gemeinsam: es handelt sich um hoch komplexe Bereiche und beide Bereiche sind zudem heillos überreguliert; ansonsten weisen sie nicht viel Parallelen auf.

Nichtsdestotrotz sind es eben genau diese komplexen Sachverhalte, die mich reizen. Ich mag Herausforderungen sehr!

 

In der Politik ist es naturgemäss so, dass ein Thema immer verschiedene Aspekte tangiert – ich nenne hier ökologische, soziale, wirtschaftliche und juristische Aspekte. Je nachdem beschneidet der eine Aspekt den anderen; hier besteht die Kunst, dass man innerhalb der Politik eine Balance zwischen allen Aspekten herstellen kann. Darum ist es auch sehr schwierig Maximallösungen durchzusetzen; denn man kann z.B. nicht immer alles aus juristischer oder aus sozialer Sicht anschauen; es ist immer ein Zusammenspiel. Und genau das ist das Spannende an der politischen Arbeit.

Darf ich hier nachfragen: du hast gerade gesagt, dass es fast unmöglich ist Maximallösungen anzustreben und dass man Abwägungen zwischen den verschiedenen Aspekten treffen muss. Wie wägst du bei einem Sachverhalt ab? Wie findest du deinen Weitblick?

Das ist eine gute Frage. Ich gehe eigentlich immer mit meinen Grundwerten an eine Fragestellung heran. Ein wichtiger Grundwert heisst zum Beispiel, möglichst wenig zu regulieren. Wenn ich an ein Problem herantrete, möchte ich wie gesagt möglichst wenig eingreifen.


"Möglichst wenig regulieren, möglichst wenig Gesetze aber dort, wo es gezielt Massnahmen benötigt, diese mit zu tragen." (Jeanine Glarner)


Doch wenn ich sehe, dass es gewisse Vorgaben benötigt, damit zum Beispiel die soziale

Verträglichkeit berücksichtigt ist und Menschen nicht "durch die Masche fallen" oder dass ein Thema eine gewisse Lenkung benötigt, beispielsweise beim Klimawandel, wo der einzelne Mensch sich noch immer nicht wunschgemäss verhält, dann bin ich durchaus bereit, gewisse Konzessionen einzugehen. Also zusammengefasst: möglichst wenig regulieren, möglichst wenig Gesetze aber dort, wo es gezielt Massnahmen benötigt, diese mit zu tragen.

Die Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz sowie Gleichstellung liegen mir am Herzen und ich fokussiere in meinen Blogbeiträgen stark darauf. Was konkret macht der Kanton Aargau im Bereich Nachhaltigkeit und Umweltschutz? Setzt du dich als Frau auch aktiv für Gleichstellung ein? Wenn ja, welche Ideen hast du?

Der Kanton Aargau hat bereits sehr früh drei Strategien aufgestellt: Energiestrategie,

Mobilitätsstrategie und Umwelt. Es gibt verschiedene Naturschutzprogramme, die bereits eine sehr gute Wirkung gezeigt haben. Hier wird besonders die Biodiversität gefördert. Zudem gibt es ein Programm Wald, denn wir wissen ja, dass der Wald der grösste CO2-Speicher ist und somit für den Klimaschutz eine ganz wichtige Massnahme darstellt.


"Der Aargau ist der erste Kanton, der Auenschutz gefördert und dies in der Verfassung festgehalten hat." (Jeanine Glarner)


Der Kanton versucht dort zu fördern, wo er am besten wirken kann, also zum Beispiel Biodiversitätsflächen fördern oder die Renaturierung von Gewässern ermöglichen. Der Aargau ist der erste Kanton, der Auenschutz gefördert und dies in der Verfassung festgehalten hat. Also eine ganz konkrete und verbindliche Massnahme. Das Klimathema gehört meines Erachtens primär auf Bundesebene behandelt; und zwar dort mit den entsprechenden Instrumenten – ich nenne das CO2-Gesetz. Das, was konkret vor Ort umgesetzt werden kann, gehört somit auf Kantonsebene. 

 

Um auf deine Frage zum Gleichstellungsthema einzugehen: Gleichstellung ist für mich selbstverständlich. Das muss einfach sein. Ich bin der Meinung, dass wir auf einem guten Weg sind. Wenn ich mir die jungen Männer in meinem Alter anschaue, dann gehen sie auch selbstverständlich mit dem Thema Gleichstellung um – für sie ist es normal, dass eine Frau arbeiten geht und eben nicht zuhause ist und den Haushalt schmeisst. Es braucht vielleicht noch etwas mehr Zeit, bis das Thema vollumfänglich in der Gesellschaft angekommen und in den Köpfen der Menschen verankert ist.


"Gleichstellung ist für mich selbstverständlich." (Jeanine Glarner)


Politisch könnte ich mir hingegen vorstellen, dass man durchaus noch etwas mehr Anreize schaffen kann, um das Gleichstellungsthema zu fördern. Viele Instrumente wurden

beispielsweise in den 1960iger Jahren lanciert und basieren folglich auf einem völlig veralteten Familienbild. Ich nenne hier AHV und Ehepaarrente – aus Sicht von heute meiner Meinung nach komplett veraltet. Witwenrente, BVG mit dem Koordinationsabzug mit den heutigen Teilzeitpensen, ein Instrument, das Frauen klar diskriminiert. Dies müsste dringend abgeschafft werden oder, wie es einige Arbeitgeber bereits umsetzen, diese Instrumente auf Teilzeitpensen angleichen.

 

Gehen wir weiter zum Thema Steuern: Ehepaarbesteuerung ist etwas komplett veraltetes;

dort bin ich für die Individualbesteuerung. In all diesen Themen wünsche ich mir, dass ich der Gleichstellung noch etwas Schub geben kann.

Das letzte Wort würde ich gerne dir überlassen. Was möchtest du meiner Leserschaft basierend auf unseren Themen mitteilen?

Meine persönliche Botschaft möchte ich gerne wie folgt formulieren: Bevor man anderen

Menschen etwas vorschreibt, sollte man immer zuerst bei sich selber ansetzten - was ist eigentlich mein eigener Beitrag? Wenn ich beispielsweise das Thema Nachhaltigkeit beleuchte, sollte ich mich immer fragen, kaufe ich selber regionale Produkte, muss ich im Winter wirklich Erdbeeren konsumieren? Oder weitergedacht, muss ich wirklich immer für ein verlängertes Wochenende in die Ferne fliegen? Wenn man diese und andere Fragen für sich selber ehrlich beantwortet hat – und zwar nicht nur zum Thema Nachhaltigkeit – sollte man sich entsprechend vorbildlich verhalten.

 

 

Ich bedanke mich herzlich für deine Zeit und deine aufschlussreichen sowie spannenden Antworten.

Zur Person

Jeanine Glarner

FDP Gross- und Gemeinderätin

Regierungsratskandidatin Kanton Aargau

Persönliche Website

 

Ein Kaffee mit Urs Raschle, Stadtrat, Departementsvorsteher Soziales, Umwelt und Sicherheit Stadt Zug


Zug, eine Stadt zwischen Tradition & Moderne mit viel nachhaltigem Innovations-esprit


 

 

Ich treffe Urs Raschle in Zug nicht weit des Verwaltungsgebäudes, in welchem er arbeitet.

 

Es ist schon früher Abend und mit einem Lächeln gibt er mir zu verstehen, dass er in einer Stunde nochmals an ein Meeting muss. Also nicht lange fackeln, Aufnahmegerät anstellen und in die Welt des Urs Raschle eintauchen.

 

Freundlich wartet der grossgewachsene Stadtrat auf meine erste Frage und beugt sich aufmerksam vor.

Du bist ein Zuger durch und durch. Was fasziniert dich an diesem Kanton und der Stadt Zug? Hast du einen Lieblingsplatz?

Mein Lieblingsplatz in Zug ist die Guggiwiese hinter dem Postplatz. Von dort geniesst man eine schöne Aussicht auf die Altstadt und wenn man sich umdreht, bekommt man auch einen Eindruck vom modernen Zug.

An Zug fasziniert mich das Vielseitige: Es ist für mich ein hübscher Ort, schön gelegen mit dem See und dem Blick auf die Berge. Zug ist aber auch ein spannender Ort: Wir haben traditionelle Veranstaltungen, wie zum Beispiel den Stierenmarkt oder auch das Schwingfest, bei dem Zug ja Gastgeberin war. Gleichzeitig ist Zug sehr innovativ und besonders in Zug-Nord spüre ich auch eine grosse Multikulturalität. Ich bewege mich sehr gerne zwischen Tradition und Moderne. Und nicht zu Letzt ist Zug meine Heimat, denn ich bin hier aufgewachsen.


"Aus meiner Sicht ist die grösste 'Integrationsmaschinerie' der EVZ. Beim Sport gibt es keine Unterschiede zwischen den Nationen." (Urs Raschle)


Ich nehme Zug als Melting-Pot wahr, wo alteingesessene Zuger mit Menschen aus aller Welt zusammenleben. Wie ist deine Sicht auf dieses Nebeneinander? Was wird für die rasche Integration unternommen?

Das ist eine grosse politische Herausforderung: Wir müssen einerseits verstehen, was die Bedürfnisse der Ur-Zuger sind und andererseits, was die Bedürfnisse der Neuzuzüger sind und was wir unternehmen können, damit diese sich auch als Zuger fühlen. Aus meiner Sicht ist die grösste "Integrationsmaschinerie" der EVZ. Beim Sport gibt es keine Unterschiede zwischen den Nationen – schiesst der EV Zug ein Goal, jubeln im Stadion bis zu 7'000 Fans, unabhängig ihrer

Nationalität. Ein gewaltiges Gefühl!

Politisch unternehmen wir jedoch auch sehr viel, damit die Integration gelingt. Wir haben eine Fachstelle, die sich der Migration annimmt. Diese wird von der Stadt, den Gemeinden und dem Kanton finanziert. Neuzuzüger erhalten von dort per Post ein umfangreiches Informationspaket, in welchem sie über das Leben in Zug pragmatisch und umfassend willkommen geheissen werden. Es werden auch persönliche Gesprächsstunden angeboten, falls es vertieften Informationswunsch gibt.

Darf ich hier kurz nachfassen: Bei den genannten Integrationsbemühungen meinst du aber nicht, dass es sich auch um die Expat-Vereinigungen handelt, sondern explizit um Bemühungen seitens Stadt, Gemeinde und Kanton? Verstehe ich dich richtig, dass ihr ein Gegensteuer zu Expat-Communities setzen wollt, damit nicht die Gefahr einer Ausgrenzung und Rückzug in den eigenen Kulturkreis besteht?

Ja, genau. Unsere Bestrebungen gehen dahin, dass wir eine Integration mit der einheimischen Bevölkerung erreichen wollen. Es gibt zwar die Expat-Clubs und Vereine; aber ich bin froh, dass es keine Expat-Ghettos gibt. Trotzdem gibt es durchaus Quartiere, von denen wir wissen, dass dort sehr viele Expats oder Ausländer wohnhaft sind. In Zug-West, zum Beispiel, haben wir grössere Anstrengungen unternommen, um dort einen Quartierverein zu etablieren.


"Wichtig ist mir, dass wir unsere Integrationsbemühungen nicht nur auf die Expats ausrichten, sondern auf alle ausländischen Zuzüger." (Urs Raschle)


Wir haben eine Quartier-Box aufgestellt, wo sich die Bewohner treffen können, sich bei  selbergebackenem Kuchen und Kaffee austauschen und die Kinder miteinander spielen können. Wichtig ist mir, dass wir unsere Integrationsbemühungen nicht nur auf die Expats

ausrichten, sondern auf alle ausländischen Zuzüger.

In meinem Departement sind zudem Deutschkurse für Ausländer ein wichtiger Angebotsbestandteil. Diese Kurse werden teilweise bereits in den Kitas sowie im Vorschulalter angeboten, und wir haben extra die Firma "Wunderfitz & Redeblitz" für dieses Angebot engagiert. Sie gehen mit Sprechpuppen zu den Kindern und vermitteln auf spielerische Art und Weise die Deutsche Sprache. Die Kurse sind derart erfolgreich, dass wir sogar die Eltern mit einbeziehen und die Kurse ebenfalls an Schulen anbieten. Das ist zwar für die Stadt Zug nicht ganz günstig; ich habe aber dieses Programm bereits zweimal problemlos durchs Parlament gebracht, da ich die Wichtigkeit und Notwendigkeit aufzeigen konnte, da Integration ja auch über die Sprache erfolgt.

 

Zudem gibt es einen so genannten Neuzuzüger-Anlass, der zweimal pro Jahr im Casino Zug durchgeführt wird. Dort zeigen wir verschiedene Präsentationen über die Stadt Zug, deren Geschichte und Vereine. Der Anlass wir auf Deutsch und Englisch durchgeführt und schliesst mit einem geselligen Apéro.

Du bist seit 2014 Stadtrat von Zug und stehst dem Departement Soziales, Umwelt und Sicherheit vor. Auf meiner Website sowie meinem Blog thematisiere ich stark Umweltschutz- und Nachhaltigkeitsfragen. Was unternimmt die Stadt Zug konkret, um diesen Themen gerecht zu werden?

Viel! Zug darf sich "Energie Stadt Gold" nennen. Energie Stadt ist ein Verein von über 400 Schweizer Gemeinden, die bereits seit 30 Jahren Energiepolitik sinnvoll betreiben. Es gibt hierzu ein Raster mit 56 Massnahmen und jede Stadt, die mitmacht, reiht sich aufgrund ihrer Anstrengungen und Bestrebungen in dieses europäische Raster ein.


"Die Stadt Zug ist als erste Schweizer Stadt mit dem Umwelt- und Energie-Label ISO 50-1001 zertifiziert worden." (Urs Raschle)


Erreicht man 75% und mehr, darf man sich "Energie Stadt Gold" nennen. Zug gehört mit 83% zur Spitze. Ich gehöre da auch dem nationalen Vorstand an und vertrete mit viel Leidenschaft und Engagement unsere Zuger Anliegen in Bern.

Die Stadt Zug ist zudem als erste Schweizer Stadt mit dem Umwelt- und Energie-Label ISO 50-1001 zertifiziert worden. Diese erlaubt einen umfassenden Blick auf städtische Massnahmen in Bezug auf Energie- und Umweltschutzthemen. Wir haben eine digitale Matrix entworfen, aus der wir rasch entnehmen können, wie und wo sich die Stadt Zug energietechnisch bewegt. Wir gelten hier als Vorreiter.

Auch hier erlaube ich mir eine Zusatzfrage: Wie habt ihr konkret Private und Firmen von eurem Umweltkonzept nebst der ISO-Zertifizierung motivieren können? Ich meine hier z.B. Energiesparmassnahmen oder Bauweisen auf neuster Technik.

Was ich oben ausgeführt habe, bezieht sich auf unsere Verwaltungssicht. Mit dem Energie-Stadt-Label laden wir immer wieder Firmen und Bauherren ein und versuchen dieser Zielgruppe aufzuzeigen, dass es sinnvoll ist, nachhaltig zu bauen. Die grösste Hebelwirkung erzielen wir jedoch über so genannte Bebauungspläne. In der Stadt Zug kannst du nicht einfach so ein Haus bauen. Du musst einen Bebauungsplan ausfertigen und dort ist ganz klar definiert, was für ein Haus du bauen darfst. Hier werden zum Beispiel Umweltstandards nach ISO

geltend gemacht, die der Bauherr oder die Bauherrin beachten muss. Diese Vorschriften gelten sowohl für Firmen als auch für private Bauherren.


"Das Projekt "Circulago" wird Zug auch weiterhelfen die vom Volk abgesegneten Ziele der '2000 Watt-Gesellschaft' zu erreichen." (Urs Raschle)


Und ganz wichtig hervorzuheben ist unser Jahrhundert-Projekt "Circulago". Wir haben eine Seewasserleitung gebaut, die rund 60 Meter in den Zugersee hineinragt und mittelfristig ganz Zug wärmen und kühlen soll. Das ist wohl die weltweit erste Wasserleitung in dieser Dimension, die diese Leistung erbringen mag. Dieses Projekt hat uns rund 1.5 Jahre Bauzeit gekostet. Im Bereich "Hafen" gibt es zukünftig ein gewaltiges Pumpwerk, das Zug versorgt. Jetzt im Herbst werden die Bauarbeiten abgeschlossen sein und die WWZ wird dann Zugänge verkaufen. Das Projekt "Circulago" wird Zug auch weiterhelfen die vom Volk abgesegneten Ziele der "2000 Watt-Gesellschaft " zu erreichen. Also auch hier machen wir zukünftig nochmals einen grossen Sprung in eine umweltfreundliche Energieversorgung.  

 

Weiter präsidiere ich die Energiekommission, die einmal pro Monat zusammenkommt. Wir

beraten dann jeweils, welcher Privathaushalt eine Fördergeldsumme für Umbauten, zum Beispiel Fotovoltaik, gesprochen bekommt. Wir unterstützen meines Erachtens sehr viele Umbauprojekte – jährlich sprechen wir eine Summe von CHF 400'000.


"Wir möchten uns an den Zielen der UNO orientieren – den sogenannten 17 Sustainable Development Goals." (Urs Raschle)


Zudem stehe ich der Nachhaltigkeitskommission vor, die jedoch momentan etwas unter Druck ist, da man sich nicht ganz einig ist, wie Nachhaltigkeit genau einzugrenzen und zu definieren ist. Ich bin aber optimistisch, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir möchten uns an den Zielen der UNO orientieren – den sogenannten 17 Sustainable Development Goals. Anhand

dieser 17 Ziele haben wir eine erste Auslegeordnung vorgenommen und uns angeschaut, wo wir momentan stehen und wo wir für die Stadt Zug noch Verbesserungspotenzial erkennen.

Aus aktuellem Anlass haben wir zudem Klimaaktivisten in die Kommission eingeladen und den Dialog mit ihnen gesucht. Wir sind vorbereitet auf die Klimadiskussion! Zudem verspürt man auch klar die Bereitschaft aus der Gesellschaft etwas für die Umwelt und die Nachhaltigkeit zu tun.

Ein weiteres Kernthema ist für mich die Gleichstellung von Mann und Frau. Ich habe gesehen, dass du Präsident der Aufsichtskommission für familienergänzende Kinderbetreuung bist. Werden die Betreuungsplätze ausgebaut, damit beide Elternteile den Spagat zwischen Familie und Beruf einfacher schaffen und die Standortattraktivität für Familien steigt? Welchen Trend erkennst du?

Da gibt es in der Tat ein sehr starkes Commitment vom Stadtrat, das wir fördern wollen. Aber wir vom Stadtrat vertreten die Auffassung, dass nicht der Staat verantwortlich sein soll, sondern

die Privaten. Wir verzeichnen gegenwärtig einen enormen Anstieg neugegründeter Kitas – und Auftrag meiner Kommission ist es, dass ich die Qualität der Kitas sicherstelle bzw. diese kontrolliere. Wichtig ist, dass Fachpersonen angestellt werden. Kitas sind ein regelrechtes Business in Zug geworden, was nicht nur positiv ist.


"Viele Privatpersonen stellen sich das Kita-Business meines Erachtens zu einfach, ja gar hobby-mässig vor." (Urs Raschle)


Ich war schon an Sitzungen, wo vorrangig über Zahlen und Fakten gesprochen wurde und ich mich dann jeweils frage, wo denn das Kindswohl bleibt. Viele Privatpersonen stellen sich das Kita-Business meines Erachtens zu einfach, ja gar hobby-mässig vor. Es bedarf eines soliden ökonomischen Verständnisses, definierten Qualitätsstandards sowie gutem Fachpersonal, damit das Wohl des Kindes immer gewährleistet ist. Ich habe meine beiden Kinder zum Beispiel nicht in einer Kita. Meine Frau und ich haben das Glück, dass wir auf unsere Eltern zählen dürfen und eben, wie oben aufgeführt, sehe ich in meiner Funktion als Stadtrat in zu viele Details – vielleicht eine "Deformation professionelle".

Die abschliessenden Worte möchte ich gerne dir geben. Was würdest du meinen Lesern gerne ans Herz legen?

Ein Besuch in Zug lohnt sich immer!

Ich danke dir ganz herzlich für das spannende und informative Gespräch!


Zur Person

Urs Raschle

Stadt Zug

Stadtrat & Departementsvorsteher Soziales, Umwelt und Sicherheit Stadt Zug

Zug

Interessante Links

Bildquellen

Bild 1 Wasserwerke Zug (www.wwz.ch)

Bild 2 Fachartikel Aqua & Gas (2018), Nr. 2, Th. Tschan & R. Wats (www.thermdis.eawag.ch)

Bild 3 Stadt Zug, Fachartikel Aqua & Gas Nr. 2, 2018 (www.stadtzug.ch)

(Reihenfolge von links nach rechts)


Ein Kaffee mit Professor Urs Wagenseil Hochschule Luzern - Wirtschaft


Wir befinden uns weit weg von nachhaltigem Reiseverhalten

 

 

Ich treffe Urs Wagenseil in seinem Büro an der Rösslimatte in Luzern.

Freundlich begrüsst er mich und kurze Zeit später steht ein herrlich duftender Kaffee vor uns auf dem kleinen Besprechungstisch.

Was mir sofort auffällt, sind die vielen Souvenirs aus fremden Ländern.

Zahlreiche Fachbücher stapeln sich in den Regalen und geben dem Büro das typische Flair eines Hochschulprofessors.

Entspannt lehnt sich Urs Wagenseil zurück und nach dem ersten Schluck Kaffee hört er sich konzentriert meine erste Frage an.

 

 

 

 

Sommerzeit ist Ferienzeit. Was für ein Ferientyp bist du?

Ich bin jemand, der gerne Neues ausprobiert. Immer ans gleiche Ferienziel zu reisen, wäre nichts für mich. Der Globus bietet viel zu viel und ich möchte auch aus beruflichen Gründen die Welt und die Gesellschaft verstehen. So gesehen habe ich immer zwei Brillen an, nämlich diejenige als Privatperson und diejenige als Touristiker. Und so dokumentiere ich übrigens auch meine Ferien: natürlich mache auch ich die klassischen Ferienbilder aber eben auch eher dokumentarische Motive, eher atypische Ferienbilder. Somit reise ich, um zu lernen aber auch meinen Horizont zu erweitern.

 

Wenn du eine Reise planst, auf was achtest du am meisten?

Es kommt ganz darauf an, was das Motiv der Reise ist: handelt es sich um eine Ferien- oder eine Geschäftsreise? Grundsätzlich bereite ich mich derart vor, dass ich bei jeder Reise etwas erfahren und erkennen kann. Bei Ferienreisen brauche ich stets einen guten Mix aus Aktivität und Erholung. Je nach Reisedauer wähle ich dann auch das geeignete Transportmittel aus.


"Mir ist ganz wichtig, dass ich Reisen im nationalen und angrenzend internationalen Umfeld immer mit dem Zug mache." (Urs Wagenseil)


Wie stark spielen dabei Umweltschutz und Nachhaltigkeit eine Rolle?

Umweltschutz und Nachhaltigkeit spielen bei mir immer eine Rolle, aber ich kann sie leider

nicht immer konsequent durchziehen. Je nach Destination und Distanz spielt vor allem bei Geschäftsreisen der Zeitfaktor eine Rolle und ohne Flugzeug kommt man halt bei Distanzen grösser 1'000 km einfach nicht genügend rasch ans Ziel. Mir ist ganz wichtig, dass ich Reisen im nationalen und angrenzend internationalen Umfeld immer mit dem Zug mache. Die einzige Ausnahme bilden für mich die Wintersportferien, denn mit Ski, Langlaufski, Ausrüstungen und Gepäck wird es einfach zu umständlich. Hier weiche ich dann auf das Auto aus. Bei Geschäftsreisen ist der Zeitdruck meistens zu hoch und meine Destinationen bewegen sich auch im weiteren internationalen Umfeld. Da muss ich mit dem Flugzeug reisen.

Du bildest an der Hochschule Luzern zukünftige Tourismusfachleute aus und bist zusätzlich in verschiedenen internationalen Experten-Gremien engagiert. Was mein besonderes Augenmerk erhascht hat, sind deine Expertisen im Bereich "Nachhaltigkeitstourismus". Ein Trend oder tatsächlich nachhaltig?

Gute Frage und ich denke, dass man in einigen Aspekten von einem Trend sprechen kann; obwohl Teilelemente der Nachhaltigkeit bis in die 1970er Jahre zurückreichen. Krippendorf hat bereits darüber geschrieben, als es um die ersten Formen des Massentourismus ging und die Zerstörung der Natur und der Ökologie zunehmend ein gesellschaftsrelevantes Thema wurden. Die Terminologie hat sich zwar über die Jahre immer wieder geändert; im heutigen Sinne subsummieren wir unter dem Begriff der Nachhaltigkeit alle positiven und negativen Konsequenzen des Reisens auf der ökologischen, ökonomischen und sozialen Ebene.

 

Um auf deine Ausgangsfrage des Trendbegriffs zurückzukommen: spricht man nach über 40 Jahren noch von einem Trend? Ich glaube eher nicht. Bei der Terminologie "Nachhaltiger Tourismus" hingegen schon, da er in dieser Form erst seit gut 10 Jahren Fuss gefasst hat. Was hingegen ganz klar einem Trend entspricht, ist die heutige Begriffsbedeutung, nämlich dass sowohl die Anbieter wie auch die Nachfrager ihr Verhalten kritischer hinterfragen. Diesbezüglich befinden wir uns jedoch noch in der Anfangsphase. Denn wenn wir eruieren, wie hoch die Passagierzahlen an den grossen Flughäfen sind, dann handelt es sich hier um Rekordzahlen. Also weit weg von nachhaltigem Reiseverhalten.

 

Was mir auch wichtig erscheint: wir dürfen nicht vergessen, dass die Gruppe der "Vielgereisten" in einem globalen Kontext noch recht "klein" ist. Viele Menschen können erst jetzt grosse Auslandsreisen unternehmen und es ist irgendwie einleuchtend, dass sich dieses Segment eher nicht um nachhaltiges Reisen kümmert, sondern Reisen und Auslandsferien einfach uneingeschränkt geniessen möchte.

Abb. 1 aus dem Jahr 2010 prognostizierte 1.4 Milliarden «internationale Ankünfte» für 2021. Dabei sind die nationalen Reisen noch nicht mitgerechnet. Bereits im Jahr 2018 (Abb. 2) wurde diese Zahl erreicht und die tatsächliche Entwicklung ist somit um einiges steiler zu interpretieren (Quelle Abb. 1: UNWTO Tourism Highlights 2017, Ausgabe 2017 / Quelle Abb. 2: UNWTO International Tourism Results 2018,Publ. January 2019).

Dann frage ich jetzt mal etwas provokant nach: Erkaufen wir uns Nachhaltigkeit, wenn du sagst, dass die Passagierzahlen an den grossen Flughäfen steigen?

Hmmm… im Flugwesen ist natürlich die CO2-Debatte ein heisses Eisen. Die Medien berichten ja auch immer wieder darüber – Fliegen wird in diesem Sinne fast verteufelt. Der CO2-Ausstoss ist

natürlich im Sinne des Klimawandels und der Klimatonne verheerend. Somit müsste man fast sagen, dass man als Individualtourist – ich klammere mal Reisen im geschäftlichen Kontext ein wenig aus - keine Flugreise antreten dürfte, da dies nie klimafreundlich sein wird. Wir haben jedoch durch den konsequenten technologischen Fortschritt die Möglichkeit quasi non-stop um die Welt zu fliegen; und diese Möglichkeiten nutzen wir fleissig. Dies zum Beispiel zu kontingentieren – also zu berechnen, wer wie häufig pro Jahr fliegen "darf" – ist eine heikle ja gar unmögliche Diskussion. Fakt ist, dass wir Schweizer Weltmeister bei Flugreisen sind. Würden alle Menschen derart um die Welt jetten wie wir, würde das Klima kollabieren. Ein ganz grosser Zielkonflikt; ein Jeder und eine Jede möge mal überlegen und zählen, wie viele Flug- und andere Reisen wir bisher in unserem Leben schon gemacht haben? Tagesausflüge in der Schweiz mal weggelassen. Fazit, wir Schweizer sind Weltmeister, wenn es ums Reisen geht. Eine Studie führt auf, dass 53% der unter 25-Jährigen bereits in New York waren; frage ich hingegen in meinen Vorlesungen meine Studierenden, wer schon in Le Locle oder La Chaux-de-Fonds war, herrscht Schweigen.


"Fakt ist, dass wir Schweizer Weltmeister bei Flugreisen sind."      (Urs Wagenseil)


Darf ich hier bitte noch eine spontane Frage einschieben? In den Medien der letzten Monate, v.a. auch seit Greta Thunbergs Auftritt am WEF, wird das Reisen scharf kritisiert und als unvereinbar mit nachhaltiger Entwicklung angeklagt. Was meinst Du dazu?

Das ist eine viel zu einseitige Betrachtung und Anschuldigung. Aber verständlich, weil einfach und zudem lässt sich so von anderen Entwicklungen ablenken, welche nicht besser sind. Das trifft vor allem auf Flugreisen und Kreuzfahrten zu. Wenn wir uns aber in allen Lebensbereichen, also nicht nur in Bezug auf das Reisen, sondern auch in der Arbeitswelt, Wirtschaft, Politik etc. nachhaltiger verhalten und bewegen würden, würde man die Welt massiv weniger belasten.

 

Das isolierte Anklagen des Tourismus ist nicht fair. Es gibt nicht nur einen Schuldigen und Sündenbock. Schauen wir uns doch mal unser Gesamtleben an: wie häufig nutzen wir das Auto, um von A nach B zu kommen – und zwar alleine? Schauen wir uns doch mal die verstopften Strassen an und die gewaltige Tonnage, die da jeden Tag produziert wird. Interessanterweise wird diese Art der Verschmutzung toleriert. Ist dies, weil Autofahren zu unserem Alltag gehört, Reisen jedoch als Luxus gilt? Also wird letzteres verteufelt. Die Produktion von Fleisch wäre ein nächster Aspekt: Das Einkaufen von importierten Gütern, wie Ananas, Wein, Meeresfrüchte usw. ist ebenso kein vorbildliches Verhalten und ist ebenso mit Klimabeeinträchtigung verbunden. Deshalb vertrete ich den Standpunkt, dass man nicht eine Branche an den Pranger stellen darf. Wir müssen einen holistischen Ansatz wählen, der alle Aspekte beleuchtet und dieser muss industrieübergreifend sein.

 

Was rätst du den Reiselustigen, wie sie trotz den oben angesprochenen Zielkonflikten einigermassen umwelt- & nachhaltigkeits-konform verreisen können?

Mein Tipp wäre, dass wir uns in einem ersten Schritt einmal bewusst werden, was für ein Reiseverhalten wir an den Tag legen und dieses "inventarisieren". Und ich meine damit nicht nur die längeren Ferienreisen, sondern auch die Wochenendreisen, egal ob im In- oder Ausland. Also eine Art Reiseabdruck darstellen. Dann müssten wir uns überlegen, ob es die Quantität an Reisen wirklich braucht oder ob wir nicht mehr auf die Qualität Wert legen wollen und diese im Sinne der Nachhaltigkeit dann auch vertieft und längerfristig planen. Wichtig ist auch die Überlegung mit welchem Transportmittel ich an meine Feriendestination reise, was für eine Form der Unterkunft ich wähle, zu überlegen, wohin mein Geld fliesst.

 

Lass mich ein typisches Beispiel kurz einschieben: übernachtest du in einer internationalen Hotelkette, fliesst ein gewisser Anteil deines Geldes in das Ursprungsland dieser Kette zurück, respektive weg, anders als wenn du ein lokales Familienhotel wählst, wo das Geld vor Ort bleibt. Gleiches gilt auch bei Restaurantketten, kommerzialisierten Air B&Bs etc. - und welche Aktivitäten ich an der Zieldestination ausübe. Der Footprint kann bei jeder Reise reduziert werden; aber eben: es gilt unser ganzes Lebensverhalten entsprechend zu hinterfragen.

 

Was mich sehr nachdenklich gestimmt hat, ist die folgende These, die Matthias Horx vom deutschen Zukunftsinstitut in seiner Studie "Tourismus 2020" aufgestellt hat: "Mood-Management: Wichtig sind nicht länger die Urlaubsziele, sondern die Befriedigung des Wunsches nach Service, Convenience sowie ganzheitlichen Wohlfühlkonzepten." Das klingt für mich nach einem rundum Wohlfühlpaket auf dem goldenen Serviertablett. Wollen wir uns in unseren Ferien um nichts mehr kümmern? Wo bleibt da der Entdeckergeist, die Neugier, die Eigeninitiative?

Es gibt unzählige Gründe zu Reisen. Jeder Mensch ist auch ein Chamäleon. Mal suchen wir Erholung in einem Wellnesshotel, mal verspüren wir Kulturhunger in einer fremden Stadt, mal Aktivferien als Velofahrer oder Surfer, mal als Entdecker mit dem Rucksack quer durch ein Land

etc. Ich glaube, es ist nicht falsch was Horx sagt und auch nicht widersprüchlich; ich denke einfach, dass es sich hier um einen ganz bestimmten Typ Mensch handelt, der auf Bequemlichkeit, Verwöhnen, Entspannung etc. setzt.

Andere planen zum Beispiel eine Europarundreise in sieben Tagen und sind somit gänzlich anders unterwegs als der eben beschriebene Reisetyp. Hier gibt es halt verschiedene Reisetypen und man kann nicht sagen das eine ist besser als das andere; es sind unsere Motive und Bedürfnisse, die unser Reiseverhalten bestimmen. Was dieses hingegen wieder für die Destination und unseren Nachhaltigkeitsabdruck bedeutet, ist wieder eine andere Frage, die wir oben bereits angesprochen haben. So vielfältig wir Menschen sind, so vielfältig sind unsere Motive. In jeder gewählten Form bin ich aber der Überzeugung, dass sich der einzelne Mensch auf seinen Reisen nachhaltiger bewegen kann. Aber eben, das braucht viel Kompetenz und viel Wissen was nachhaltiges Reisen überhaupt heisst und wie weit ich das durchziehen kann.


"Jeder Mensch ist auch ein Chamäleon. Mal suchen wir Erholung in einem Wellnesshotel, mal verspüren wir Kulturhunger in einer fremden Stadt, mal Aktivferien als Velofahrer oder Surfer, mal als Entdecker mit dem Rucksack quer durch ein Land." (Urs Wagenseil)


Wenn ich jetzt hier nachfassen darf: was sind zusammengefasst deine Stichworte für nachhaltiges Reisen?

Nachhaltigkeit beruht ja immer auf den drei Säulen der Ökonomie, Ökologie und dem sozialen Aspekt. Da Reisen im intensiveren Wettbewerb primär immer günstiger geworden ist, ist die Nachhaltigkeit bzw. Ökonomie primär ein Anbieterthema. Es muss finanziell überlebt werden, sonst gehen auch Arbeitsplätze verloren. Das günstigere Reisen führt aber zu einer grösseren Nachfrage. Also gilt es verstärkter auch die ökologischen und sozialen Aspekte zu beleuchten. Zusammengefasst geht es hier darum den Schaden an der Umwelt zu reduzieren und die kulturellen und gesellschaftlichen Werte und Strukturen am Zielort zu belassen und nicht zu verändern oder gar zu zerstören.

Jede Reise sollte nicht nur der Erfüllung der eigenen Motive und Bedürfnisse dienen, sondern dem bereisten Ziel auch einen Nutzen bringen. Zu glauben, man bringe ja Geld, greift zu kurz und ist eben noch nicht nachhaltig. Wenn wir uns aber in Zukunft mehr ökologisch und sozialverträglicher bewegen wollen, wäre das schon mal ein ganz grosser Schritt in die richtige Richtung. Ökologisch bedeutet Nachhaltigkeit alle Aspekte rund um die CO2 Emissionen, deren Kompensationen, Wahl des Mietautos vor Ort – also ich meine hier Grösse, Verbrauch etc. Beim sozialen Aspekt wird es schwieriger; denn hier geht es um Wertschätzung gegenüber der bereisten Bevölkerung, Anerkennen und Respektieren derer Sitten und sozialen Verhaltensregeln; Zeit, die ich mir vor Ort nehme, um z.B. die Stadt wirklich zu erkunden und nicht hektisch ein Foto nach dem anderen zu schiessen und dann weiter zu hetzen. Und es geht auch um die Frage, was bringe ich Gutes in die Destination und was mache ich kaputt?

 

Dem Massentourismus bzw. dem Convenience-Tourismus steht der sanfte Tourismus gegenüber. Er hat sich zum Ziel gesetzt, dass das Reisen möglichst im Einklang mit der Ökologie, den Einheimischen, der bestehenden Infrastruktur am Destinationsziel sowie einem schonenden, nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen erfolgen soll. Eine grosse Herausforderung für das Tourismus-Marketing, oder nicht? Auf der einen Seite möchte man dem Gast die unverfälschte Eigenheit der Destination zeigen und mit allen Sinnen erlebbar machen; auf der anderen Seite steht der anspruchsvolle, erlebnis- und Lifestyle-orientierte wenn nicht gar verwöhnte Tourist.

Nun es gibt zwei Hauptströme: die einen wollen die "Must-Sees" sehen, also zum Beispiel den Eifelturm, die Golden Gate Bridge, die Kappelbrücke, das Colosseum, Machu Picchu etc.; andere die verborgenen Geheimnisse der Welt. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Ja, Massentourismus kann ein Problem im Sinne des "Overtourismus" darstellen, das zu lösen schwierig ist. Massentourismus an den einen Orten verhindert immerhin die Überflutung mit

Reisenden an anderen Orten. Wichtig erscheint mir, dass wir uns im Sinne des sanften Tourismus im Vorfeld mit den Gepflogenheiten der Destination auseinandersetzen. Auch, wie bewege ich mich in der Natur? Wo kann ich potenziell etwas zerstören – zum Beispiel sollte ich

beim Biken immer auf den Trails bleiben und nicht quer durch die Natur fahren und diese beschädigen. Wie kleide ich mich im Gastland – welche Regeln gelten usw.

Das setzt natürlich wieder eine vertiefte Vorbereitung aus, die allein bei mir als Individuum beginnt. Und hier komme ich wieder auf oben erwähntes Reiseinventar zurück, das unterstützend im Sinne der Qualität vor Quantität dienen soll. Vorbereitung ist das A und O, insbesondere, wenn ich mich ausserhalb der touristischen Städte und deren Hot-Spots bewegen möchte.


"Wichtig erscheint mir, dass wir uns im Sinne des sanften Tourismus im Vorfeld mit den Gepflogenheiten der Destination auseinandersetzen." (Urs Wagenseil)


Apropos Lifestyle – da fällt mir noch der Selfie-Hype und das ständige Posten der neusten Ferieneindrücke ein. Wie stark kommen Tourismusdestinationen unter Druck, wenn ein extravagantes, wunderschönes Bild via Social Media um die Welt geht und plötzlich ein

"Run" auf den Ort herrscht?

Also zuerst müssen wir festhalten, dass diese Art von Fotos posten die moderne Form des "Word of Mouth" darstellt. Meine Follower sehen, dass ich an diesem Ort bin. Diese Art der Kommunikation ist viel schneller und breiter als die klassische Multiplikation der Information. Aber wir müssen diesen Aspekt auch relativieren: wie viele Bilder werden heute gemacht, hochgeladen und welchen Impact haben sie tatsächlich? Wohl zig Millionen! Aber nicht jeder, der etwas postet hat einen Impact – er möchte das zwar; aber ich denke so bedeutsam

ist der Einzelne dann doch wieder nicht. Es sind dann wohl doch eher die Opinion Leaders oder Celebrities, die das eher zu beeinflussen vermögen. 

Aber ja, in der Summe können Fotos schon Begehrlichkeit nach einem Ort auslösen. Und da gibt es zwei Typen von Urlaubszielen: erstens diejenigen welche viele Gäste herzlich willkommen heissen, und das sind die meisten Orte auf dieser Welt! Und zweitens, diejenigen, wo man aufgrund des Massentourismus schon genug Gäste zählt, wie zum Beispiel Barcelona oder Dubrovnik. Diese Destinationen beginnen mit einem De-Marketing und suchen Lösungen, die Zahl der Touristen zu beschränken. Das sind erste Umkehr-Strategien. Verständlich aus Sicht der bereisten Destination, aber im Kontext der zunehmenden Reisezahl natürlich mit Konsequenzen. Wenn Top-Destinationen, und das sind viele, die Touristenzahl beschränken, löst das andernorts mehr Nachfrage aus. Das mag zuerst willkommen sein, aber auch da wird es Grenzen geben. Wie geht es dann weiter?

 

Du blickst auf eine langjährige Touristikerlaufbahn zurück. Wenn du Resümee ziehen müsstest, was hat sich seit Beginn deiner Berufskarriere bis heute alles verändert? Was empfindest du als positiv und was eher als bedenklich?

Das Angebot ist grundsätzlich grösser geworden; die Welt steht uns offen – es gibt keinen Platz auf dieser Erde, wo wir nicht hinreisen können und das ist schön, denn diese Erreichbarkeit erlaubt es uns viele fremde Länder, Kulturen etc. kennenzulernen und wir fokussieren nicht auf ein paar einzelne Destinationen. Es ist auch finanziell erschwinglich und die Technologie hat sich sehr entwickelt. Das wären für mich die positiven Entwicklungen.

Eher bedenklich ist der Trend zum rücksichtslosen wie auch zum uneingeschränkten Reisen. Damit meine ich, dass quantitative Überlegungen im Vordergrund stehen und nicht die qualitativen. Auch die Entwicklung des Stereotyps, die in den 1980igern begonnen hat, dass die Ferien umso schöner sind, je weiter sie vom Heimatland entfernt sind, ist fix in den Köpfen der Menschen.

 

Ein simples Beispiel dazu: Dir erzählt jemand, dass er seine Sommer-Badeferien auf den Fiji-Inseln verbracht hat und du warst vielleicht am Comer See. Wer hat wohl in der stereotypischen Wahrnehmung die "schöneren" Ferien verbracht? Wohl derjenige, der auf den Fiji-Inseln war, oder? Das dies pauschal betrachtet eigentlich Unsinn ist, versteht sich von selbst.  

 

Bedenklich ist hier die Einstellung für mich, dass die Gesellschaft nicht mehr qualitativ denkt, zu wenig hinterfragt und plant. Der Konsument ist sich aus seiner Bequemlichkeit und seinem Egoismus zu wenig bewusst, was er eigentlich macht – und das kann grosse Schäden im Sinne der Nachhaltigkeit erzeugen. Es gibt in unserer heutigen Multi-Optionsgesellschaft einfach zu viele Möglichkeiten, die teilweise in einen Exzess münden können.


"Eher bedenklich ist der Trend zum rücksichtslosen wie auch zum uneingeschränkten Reisen. Damit meine ich, dass quantitative Überlegungen im Vordergrund stehen und nicht die qualitativen." (Urs Wagenseil)


Was würdest du Menschen wie mir ans Herz legen, die sich für fremde Länder und Kulturen interessieren, gerne reisen und trotzdem Wert auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz legen?

Eine wirklich solide Planung und intensivere Auseinandersetzung mit den Angeboten. Bewusster reisen! Nicht einfach maximieren. Die einzelne Reise intensiver erleben. Damit meine ich, dass wir immer den Wunsch verspüren unsere Reise mit unzähligen Fotos zu verewigen. Lieber einmal länger und bewusster verweilen und den Ort auf sich wirken lassen. Weniger ist mehr. Sich Zeit nehmen und vor allem Mut zur Lücke. Damit meine ich, nicht eine vollumfängliche "to-do-Liste" an Sehenswürdigkeiten abarbeiten, sondern sich auf ein paar wenige persönliche Highlights konzentrieren und diese ausgiebigst erkunden. 

 

Das letzte Wort möchte ich gerne dir überlassen: Was möchtest du den Lesern dieses Interviews gerne noch mit auf den Weg geben?

Reisen ist bildend. Nehmt euch Zeit das Fremde kennenzulernen und nicht nur zum Spot-Foto-Shooting. Weniger ist mehr – weniger häufig, aber dafür länger an einem Ort verweilen und

sich die Zeit nehmen, das Neue auf sich wirken zu lassen. Auch nicht dem Irrglauben verfallen, je exotischer desto besser, sondern sich auch eingestehen, dass Ferien im Toggenburg oder am Bodensee sehr wohl brillante Ferien sein können. Sich auch ein wenig selber hinterfragen, ob es nicht auch mit etwas weniger reisen geht und somit im Sinne der Nachhaltigkeit weniger

Schaden anrichtet.

Ich danke dir ganz herzlich für das Gespräch und die Zeit, die du mir eingeräumt hast.


Zur Person

Professor Urs Wagenseil

Leiter Competence Center Tourismus, Hochschule Luzern - Wirtschaft

Rösslimatte, Luzern