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Ich bin klein und "sie" ist gross - Wer ist "sie"?

Ich bin hibbelig, kribbelig, rastlos und sprudle vor sportlicher Energie. Schon beim Frühstück weht mir dieses laue, sommerliche Lüftchen entgegen, lässt meine Gedanken wandern und überlegen, was ich heute unternehmen könnte. Der wolkenlose, strahlend blaue Himmel prophezeit mir, dass es sich lohnt einen längeren Ausflug zu planen. Raus in die Natur. Die letzten Tage war ich entlang der Aare joggen; darum entscheide ich mich heute für eine ausgedehnte Velotour.

Der Rucksack mit etwas Proviant ist schnell gepackt; ebenso zügig die Sonnencrème aufgetragen und hopp los geht's.

Steil, steiler, am steilsten

Wer den Aargau kennt, weiss, dass ich mich heute für eine „saftige“ Strecke entschieden habe: Barmelweid - Salhöhe - Benkerjoch. Eine Passroute, die jedes Herz im wahrsten Sinne des Wortes höher schlagen lässt! Die gewundene Strecke kennt nur eine Richtung: Steil nach oben. Meine Beine schmerzen, der Schweiss tropft, die Atemfrequenz steigt, der Tritt bleibt konstant aber der Blick auf die Strasse wird starr und konzentriert. Doch mein Ehrgeiz ist da, ich will ankommen, aufgeben gibt es nicht! Die motorisierten Ausflügler brausen an mir vorbei - in ihren schicken Cabriolets, Oldtimern und natürlich die stets kurvenschneidenden Motorradfahrer.

Im Schatten des Waldes

Endlich entdecke ich den Abzweiger von der Passstrasse in den Wald. Der Schotterweg bergauf lässt meine Reifen immer wieder den Grip verlieren und so trete ich bedacht in die Pedalen und erfreue mich über die angenehm kühle Waldluft. Ich lausche den Geräuschen abseits der Strasse: das Summen der Schwebefliegen, das Zwitschern der Vögel, das Rauschen der Baumwipfel, das Rascheln im Unterholz, das Knirschen meiner Veloreifen auf dem unebenen Schotterweg.

Die angenehme Temperatur lädt zum Anhalten und Pause machen ein. Auf einem Baumstamm sitzend packe ich mein Picknick aus und lasse meinen hochgeschnellten Puls zur Ruhe kommen. Zu lange verweile ich nicht, denn der Schweiss rinnt und alsbald fröstle ich.

Der Höhepunkt

Das Benkerjoch ist nun nicht mehr weit und ich geniesse den Höhenweg mit seiner spektakulären Weitsicht: wie schön die Natur hier oben ist! Wie beeindruckend die Hügel um mich herum ragen. Wie unerbittlich ich mich abmühen musste, um hier diesen Aus- und Weitblick erhaschen zu können. Die Natur hat mich einmal mehr gelehrt, wie stark sie ist und es locker vermag uns Menschen unsere physischen Grenzen aufzuzeigen. Ich komme mir für einen kurzen Moment klein und etwas verloren ob dieser grandiosen Naturschönheit vor.

 

Stunden später erreiche ich mein Zuhause und steige mit müden und leicht wackligen Beinen vom Velo. Mein Kilometerzähler zeigt mir nach ca. 2.5 Stunden Fahrt lediglich 16 km an. NUR 16 km!!! Mit einem müden aber sehr zufriedenen Lächeln lasse ich die Tour Revue passieren: Die Natur hat mich erneut in ihren Bann gezogen: unwegsam, steil, hoch, fordernd und zugleich einfach nur wunderschön! 16 km reine Muskelkraft können wie gefühlte 70 km sein...

Ich bin klein obwohl ich 1.80 gross bin

Ich wünsche mir, dass ich die Natur noch häufig mit reiner Muskelkraft „erfahren“ und erkunden werde und sie mich immer wieder an das unumstössliche Grössenverhältnis erinnert: ich bin klein und sie ist gross.