Mit Muskelkraft durch drei Kantone

Mein letzter Ferientag. Ein traumhaft schöner Sommersonntag. Da kann ich nicht still sitzen. Mich zieht es hinaus in die Natur. Und wie so häufig trete ich in die Pedale und fahre drauf los. Einfach der Nase nach. Ich wohne im Kanton Zug; doch zieht es mich einmal mehr Richtung Aargau, meinem Lieblingskanton. Bei Cham biege ich Richtung Bremgarten ab und folge der Beschilderung der Veloroute 77 - der Freiämter-Route "Rigi-Reuss-Klettgau". Kaum habe ich die Zuger Städte hinter mir gelassen, geniesse ich die Landluft des Freiamts: frisch gewendetes Heu, abgeschnittene Stoppelfelder, Bauernland wohin das Auge schaut. Ich atme befreit durch und geniesse die Weite. Es geht über gut asphaltierte Velowege aber auch über Wald- und Schotterstrecken; entlang der Reuss und durch das bezaubernde Naturschutzgebiet Hasplen bei Maschwanden. Ich geniesse eine kurze Pause an der Lorze, betrachte die ziemlich grosse Fischkolonie, die sich gegen den Wasserstrom stemmt, lausche den Naturgeräuschen. Auf der anderen Seite des Flusses ist der Kanton Zug; ich sitze bereits auf der Zürcher Seite.

 

Also hopp, wieder aufgestiegen und kräftig in die Pedale getreten. Die Route führt mich weiter Richtung Unterlunkhofen, wo ich das nächste Naturschutzgebiet, den Flachsee, verzückt erkunde. Es ist nun die Reuss, die sich in einem fantastischen Smaragdgrün behäbig durch das Flussbett schlängelt, welches von viel Schilf, Gräsern und einem üppigen Laubbaumbestand gesäumt wird. Mich nimmt dieser Anblick derart in seinen Bann, dass ich beschliesse ein Stück des Weges zu laufen, um diese wunderschöne, intakte Natur bewusst wahrzunehmen und zu memorisieren. Fasziniert bleibe ich bei einem Bauernhof stehen, der sich direkt an das Naturschutzgebiet anschliesst und beobachte ein grosses Bienenvolk, das emsig in seinen gezählten 15 Bienenhäuschen ein- und ausfliegt. Leider konnte mir der Imker nicht sagen, um wie viele Bienenvölker es sich handelte - "ich habe irgendwann aufgehört sie zu zählen," war seine Antwort auf meine Frage. Ich verweile noch einen Augenblick und sehe vor meinem inneren Auge bereits ein Glas meines Lieblingsbrotaufstrichs vor mir stehen. Doch die Sonne brennt bald zu stark und so besteige ich meinen Drahtesel wieder und nehme die letzten Kilometer vor Bremgarten unter die Veloreifen.

Bremgarten ist eine kleine Stadt im unteren Reusstal und bekannt für seine wunderschöne Altstadt, die bis zu der Herrschaft der Habsburger zurück datiert. Eine eindrückliche Holzbrücke zeugt von vergangener Zeit und rundet das mittelalterliche Stadtbild von der anderen Flussseite betrachtet ab.

Nach 39 km spüre ich das Verlangen nach einer Pause und so kurve ich neugierig ein wenig durch die Altstadt, bevor ich mich entschliesse im Restaurant Bijou direkt an der Reuss einzukehren. Uff... ja, die Beine sind schwerer als zu Beginn der Tour und ein Blick auf die Uhr zeigt, dass ich doch schon zweieinhalb Stunden unterwegs bin. Ich geniesse das laute Rauschen der Reuss, die Gastfreundschaft im Restaurant und die Erholung meiner müden Glieder.

Gestärkt beschliesse ich den Rückweg anzutreten. Ich nehme erneut die Veloroute 77 Richtung Sins zurück und fahre vorbei an zahlreichen Bauernhöfen. Wie ursprünglich hier alles ist - irgendwie Postkarten-Idylle; Die Bauerngärten stehen in üppiger Blüte, Obstbäume tragen Äpfel, Birnen und sogar den süssen Duft von Mirabellen (gelben Zwetschgen) nehme ich beim Vorbeifahren wahr. Kälber, Kühe, Schafe und Ziegen grasen friedlich auf den grossen Weiden; auf einem Strommasten höre ich einen Storch von seinem Horst klappern, Mäusebussarde ziehen ihre eleganten Flugbahnen hoch über meinem Kopf; Fischreiher schreiten würdevoll über abgemähte Felder, in der Hoffnung etwas Nahrhaftes zu finden; Schmetterlinge tanzen über die Felder und Katzen streifen über saftig blühende Wiesen oder verharren reglos vor einem Mauseloch. Es sind so viele schöne Eindrücke, die an mir vorüberziehen, dass ich immer wieder lächeln muss und ehrlich gesagt dankbar bin, dass ich in einem so schönen Land beheimatet bin.

Das zeitweise auffrischende Lüftchen ist mittlerweile sehr willkommen; die Sonne ist gleisend und ich spüre, dass meine Muskeln brennen und meine Beine immer schwerer werden. Willensstark trete ich mit vereinten Kräften in die Pedalen - ich nähere mich wieder dem Zugerland und fahre entlang der Lorze Richtung Baar. Ich ertappe mich dabei, dass ich bei schattenspendenden Bäumen mein Tempo etwas verlangsame, um die leichte Abkühlung zu spüren, bevor ich wieder in das heisse Sonnenlicht fahre. An wie vielen Brunnen ich auf meiner Tour angehalten und meine Trinkflasche aufgefüllt habe, weiss ich nicht; aber nun leere ich die letzten Tropfen, im Wissen, dass ich nicht mehr weit von Zuhause entfernt bin. Die letzten Kilometer sind bekanntlich die mühsamsten - und so ächze ich und beisse meine Zähne ein letztes Mal zusammen.

 

Müde, verschwitzt, verstaubt, viel Sonne im Gesicht, durstiger Kehle und zugegebenermassen schmerzendem Hinterteil, steige ich ab und stakse hinauf in die kühle Wohnung. Ich bin heute eine wunderbare Tour geradelt, durch drei Kantone (Zug, Zürich und Aargau), bergauf und bergab, über Stock und Stein, durch Naturschutzgebiete, Landwirtschaftszonen und kleine Ortschaften, durch Wälder und weite Ebenen, an Bächen und Flüssen entlang... insgesamt 75 km in viereinhalb Stunden.

 

Ein sportlicher Ferienabschluss mit eindrücklichen und wunderschönen Impressionen. Und einmal mehr die wertvolle Erkenntnis, dass das Schöne so nahe und quasi vor der Haustüre liegt.

Ich hoffe, dass ich euch die Route Nr. 77 etwas schmackhaft machen konnte. Es lohnt sich abseits der grossen Strassen die Natur zu "erfahren", neue Ortschaften kennenzulernen und die Diversität unserer bezaubernden Natur zu geniessen. Sie ist grossartig und schützenswert. Ich bin stolz, dass ich die 75 km mit reiner Muskelkraft und umweltschonend zurückgelegt habe und dafür von der Natur mit ihrer Schönheit belohnt wurde.

 

Nun lege ich meine Beine hoch und geniesse entspannt vom Balkon den Blick ins Grüne. 

 

Herzlichst

Simone

 

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