· 

Wider der Bewegung - der Trotti-Hype

Zischhh - ohne Vorwarnung sauste ein eScooter-Fahrer von hinten an mir vorbei, als ich heute Mittag zu Fuss einen kurzen Spaziergang in Zürich-West machte. Ich erschrak, denn die Dinger sind nicht nur schnell sondern auch quasi lautlos auf Zürichs Strassen unterwegs.

 

Ein Hype, den ich seit längerem mit einer gewissen Skepsis und Ambivalenz beobachte. In der NZZ vom 22. Juli 2019 war ein ausführlich recherchierter Artikel unter dem Titel "Was soll dieser Trotti-Hype? Zwei NZZ-Redaktoren haben die Scooter in Zürich getestet - und werden künftig wieder ins Tram steigen" zu lesen. Nebst des teilweise hohen Fahrtempos sowie der zunehmenden Auslastung auf den (häufig kombinierten) Fuss- und Velowegen, lässt mich ein weiterer Aspekt grübeln: Werden wir zur Faulheit erzogen? Welche gesellschaftlichen Folgen bringt das mit sich? (Mein Kopfkino dreht schon heftig und mir fallen x mögliche Antworten ein).

 

Ich erinnere mich als der Amerikanische Trend mit den Segways nach Europa schwappte und man in Städten zunehmend Sightseeing-Gruppen in einer wie Zinnsoldaten aufgereihten Kolonne hintereinander herfahrend und mit Headphones ausgestattet, beobachten konnte (wie unsicher einige Protagonisten offensichtlich auf dem ungewohnten Gefährt unterwegs waren, muss ich wohl nicht erwähnen...geschweige denn auf das erhöhte Gefahrenpotenzial referenzieren).

Statt zu laufen, fährt der moderne Tourist. Statt sich mit Musse auf die Schönheit der fremden Stadt einzulassen, ist man angehalten sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Statt eine Stadt im wahrsten Sinne des Wortes zu erlaufen (was zugegebenermassen abends zu müden Beinen führt - aber so lohnenswert ist!), nimmt man die Attraktionen im Vorbeifahren wahr und kann nicht in Ruhe kontemplieren (was heisst das für die Bildung?).

 

Ich finde das ehrlich gesagt befremdlich, denn diese Art der Stadtbesichtigung widerspricht meinen persönlichen Vorstellungen: ich liebe es verwinkelte Gassen zu entdecken, Treppen zu steigen, die Aussicht zu geniessen, entzückt stehen zu bleiben, ein aussergewöhnliches Gebäude/Denkmal zu bestaunen, entspannt in einem Café sitzen, das Geschehen um mich herum auf mich wirken lassen oder spontan einen Richtungswechsel einzuschlagen, weil ich auf etwas Schönes aufmerksam geworden bin.

 

Liest man den Bericht der NZZ-Redaktoren genau, sind auch viele Sicherheitsdispositive hervorzuheben, welche die urbanen Stadtflitzer mit sich bringen: man denke an das hohe Tempo bergabwärts mit den kleinen Rädern (Stichwort Stabilität), dem Balanceakt, wenn man im dichten Stadtverkehr mit einer Hand Zeichen geben muss oder sich - ähnlich wie auf dem Velo - zwischen Tramschienen und Lastwagen durchschlängeln muss (Stichwort Sturz- bzw. Unfallgefahr).

 

Ich finde Neuerungen toll und probiere sie punktuell auch neugierig aus. Diesen Trotti-Hype finde ich aber eher kontraproduktiv. Die natürliche Bewegen wird mit solchen und anderen Gerätschaften vernachlässigt. Ich finde es schade, dass auf der einen Seite zahlreiche Gesundheitskampagnen laufen, die auf Bewegung, Sport und gesunde Ernährung setzen und andererseits boomen Kauf und Verleih der eScooters & Co. in den Städten. Ein falscher Anreiz, der zeitversetzt sicher seine negativen Folgen auf die Fitness der Gesellschaft aufweisen wird.

 

Wie geht es euch? Denkt ihr ähnlich wie ich oder hat euch der Trotti-Hype gepackt? Lasst mich an euren Erfahrungen und Meinungen teilhaben - ich freue mich auf den Austausch!

 

Herzlichst

Simone